Der polnische Film - eine europäische Filmkultur

Obwohl der polnische Film (insbesondere aus der Zeit der Volksrepublik) hohes internationales Ansehen genießt und zahlreiche Anknüpfungspunkte gerade zur Deutschen (Film-)Geschichte aufweist, ist seine Entwicklung hierzulande bislang nicht entsprechend beschrieben worden. Es gibt zwar einige Filmfestivals, die dem polnischen bzw. osteuropäischen Film gewidmet sind (filmPolska in Berlin; GoEast in Wiesbaden), doch sie hinterlassen kaum Spuren in universitären Strukturen, sowohl was die Forschung als auch was die Lehre betrifft (einige wenige Publikationen bilden die Ausnahme). Dieser Befund ist im Hinblick auf die geografische Nähe zwischen Deutschland und Polen sowie auf historische und kulturspezifische Erfahrungsgemeinsamkeiten beider Staaten besonders erstaunlich.

Im Rahmen des Publikationsprojekts "Der polnische Film - eine europäische Filmkultur" (2010-2012) wurde der polnische Film als ein (mittel)-europäisches Paradigma ausgelotet - die Ergebnisse liegen nun in zwei Publikationen vor.

Bereits 2011 wurden die Ergebnisse einer 2009 in Tübingen abgehaltenen internationalen Tagung über deutsch-polnische Filmnachbarschaften in einem Sammelband  veröffentlicht.

Im Mittelpunkt des Projekts stand jedoch die Publikation der ersten polnischen Filmgeschichte in deutscher Sprache. Sie wurde Ende 2012 unter dem Titel "Der polnische Film - von seinen Anfängen bis zur Gegenwart" im Marburger Schüren-Verlag herausgegeben. 

Als Vorbereitung und Auftaktveranstaltung zum Filmprojekt fand im Juli 2009 die internationale Tagung "Deutschland und Polen: Filmische Grenzen und Nachbarschaften" statt. Deutsche und polnische Wissenschaftler aus Filmwissenschaft, Zeitgeschichte und Slavistik gingen in ihren Vorträgen den Querverbindungen zwischen Deutschland und Polen im Filmmbereich nach.

Die Geschichte des europäischen Films zeigt, dass die einzelnen National-Kinematografien im Laufe des 20. Jahrhunderts sowohl institutionell als auch ästhetisch eng miteinander verschränkt waren, was nicht unwesentlich auch durch die politischen Voraussetzungen bedingt war. Einen der interessantesten und zugleich kompliziertesten Fälle bilden die Beziehungen zwischen dem polnischen und dem deutschen Fillm. Viele der vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Filme, die als Bestandteil der polnischen nationalen Kinematografie angesehen werden, waren in Wirklichkeit deutsche Produktionen. Im polnischen Film von 1945 bis 1989 finden sich viele anti-deutsche Motive, die den Richtlinien der Kommunistischen Partei entsprachen, und nach 1990 enstanden zahlreiche Film als deutsch-polnische Koproduktionen.

Durch die Themenstellung wurden die deutsch-polnischen Film-Nachbarschaften auf intitutioneller, wirtschaftlicher und ästhetischer Ebene beleuchtet. Der Sammelband "Deutschland und Polen: Filmische Grenzen und Nachbarschaften" erschien Ende 2011 im Schüren-Verlag.

Seit Ende der 1960er Jahre finden Debatten über den Status von Filmgeschichten statt und es herrscht immerhin Konsens darüber, dass es keine definitive Filmgeschichte geben kann. Ausgehend von unterschiedlichen Forschungsmehtoden entstehen unterschiedliche Konstrukte, die einzelne Aspekte der Kinematografie stärker hervorheben, andere wiederum in den Hintergrund treten lassen. So ist die institutionelle Filmgeschichte, die sich mit den technologischen Bedingungen und wirtschaftlichen Aspekten der Produktion und des Vertriebs beschäftigt, eine andere Geschichte als diejenige, die vor allem soziopolitische Kontexte der Filme betrachtet; dieses soziopolitische Betrachtungsmodell wiederum unterscheidet sich von der Filmgeschichte, die die Strukturen ästhetischer Werke sowie den individuellen Stil einzelner Regisseure untersucht.

Unsere Filmgeschichte ist so konzipiert, dass ausgewählte Aspekte der  polnischen (Film-)Geschichte anhand einer textbezogenen Analyse einzelner Filme erläutert werden. Da der Film nicht nur eine ästhetisches, sondern auch ein soziales Phänomen ist, werden die Beziehungen zwischen diesen beiden Ebenen analysiert und die Filme selbst als Phänomene in kommunikativen Prozessen wahrgenommen.

Die Konzentration auf einezelne Werke sowie ihre kommunikative Wechselwirkung führt allerdings dazu, dass das Forschungsfeld stark beschränkt werden muss. Im Fokus der Filmgeschichte stehen daher Spielfilme  (unabhängig davon, ob sie zur Art cinema oder zum Unterhaltungskino gehören). In gesonderten Kapiteln werden jedoch auch die Entwicklungen und Tendenzen des Dokumentarfilms sowie des Avantgarde- und Animationsfilms besprochen.

Die Filmgeschichte ist deshalb nicht linear, sondern querschnittartig angelegt: Durch die Analyse einzelner Filme entsteht eine mosaikartige Zusammensetzung, die diese Filme einerseits in ihrem polnischen, andererseits in ihrem europäischen Kontext verortet. Das Buch liefert einen integrierenden Überblick über mehr als 100 Jahre polnischer Filmkunst und richtet sich sowohl an ein Fach-, als auch an ein ein filminteressiertes Laienpublikum. 

 

Vorbereitet und konzipiert wurde das Projekt seit 2008 von Prof. Dr. Schamma Schahadat (Tübingen) und Dr. Konrad Klejsa (Łódź - DAAD-finanzierte Gastprofessur am Slav. Sem. der Tübinger Universität 10/07 - 03/08 sowie 10/08 - 09/09). An der Herausgabe der Filmgeschichte beteiligte sich zusätzlich noch Dr. Margarete Wach (Kunsthochschule für Medien, Köln). Projektkoordination: Christian Nastal.

Das Projekt wurde gefördert durch:

Es entstand in Zusammenarbeit mit:

Aktuelles

Festivals:

 

09-15 April 2014: GoEast Wiesbaden

 

24-30 April 2014: filmPolska Berlin

 

Herbst 2014: filmPolska München

Angebote

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