Zur Interaktion von Literatur und Philosophie in Russland im 19. Jahrhundert

 

„Das 19. Jahrhundert gehört Russland!“ Poetologische Verortungen zwischen Literatur und (Kultur-)Philosophie

Habilitationsschrift Irina Wutsdorff

(2009-2011 gefördert im Rahmen des DFG-Projekts zu Literatur und Philosophie in der russischen Kultur)

Ausgangspunkt der Untersuchung ist das weit gefasste Literaturverständnis der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts: Zahlreiche literarische Werke thematisieren kunst-, moral- und religions- sowie geschichts- und gesellschaftsphilosophische Fragen. Umgekehrt tendiert die philosophische Reflexion dazu, literarisierte Formen wie Brief oder Essay zu wählen. Insofern kommt dem Modus des Literarischen eine Vorrangstellung in der kulturellen Selbstreflexion und -definition zu. Dieser vielfach konstatierte Literaturzentrismus – so die These – produziert dabei ein Spannungsverhältnis eigener Art: Der der Literatur inhärenten Tendenz zu Mehrdeutigkeit steht mit dem Anspruch, Medium kultureller Selbstreflexion zu sein, das Bestreben gegenüber, möglichst eindeutige Positionen zu artikulieren. Die Arbeit fragt in einer vorwiegend poetologischen Perspektive danach, wie sich der der Literatur zugewiesene  Sonderstatus in den Werken selbst zeigt. Dabei geht es nicht darum, bestimmte aus der Philosophie stammende Positionen in den Werken zu identifizieren, sondern Verschiebungen, Brüche und auch Aporien zu verfolgen, zu denen es mit der Überlappung von literarischem und philosophierendem Modus kommt.

Denn die Verlagerung philosophischer Diskussionen ins Register des Literarischen bietet die Möglichkeit, nicht (mehr) nur einen Gedankengang entlang einer logischen Abfolge von Argumentationsschritten darzulegen, sondern (vielmehr) vielfältige Zusammenhänge auf der Grundlage genuin poetischer Verknüpfungsverfahren wie Analogiebildungen oder Ähnlichkeitsverhältnissen zu schaffen. Zugleich aber werden damit philosophische Aussagen, wenn sie nun in literarischer Rede verhandelt und aufeinander bezogen werden, von deren Mehrdeutigkeit erfasst. Das Gewebe möglicher Bezüge, das ein literarischer Text knüpft bzw. anbietet, initiiert eine Bedeutungsdynamik, die jenseits jener Eindeutigkeit liegt, auf die eine stringente Argumentationskette zielen würde. Diese Tendenz der Literatur zu Vieldeutigkeit kann dann – bei aller Präferenz der nicht (nur) begrifflich und rational operierenden literarischen Rede – auch als Gefahr wahrgenommen werden.

Hier nun lassen sich mehrere Arten der Reaktion auf dieses Spannungsverhältnis beobachten: Während Dostoevskij mit seinem Dnevnik pisatelja (Tagebuch eines Schriftstellers) parallel zu seinen literarischen Werken reflektierende Schriften verfasst, führt der doppelte Anspruch etwa in Odoevskijs Prosazyklus Russkie noči (Russische Nächte) zur Herausbildung einer Mischgattung zwischen Literatur und Philosophie. Einen radikalen Bruch vollzieht schließlich Tolstoj, wenn er sich in seinem Spätwerk von der Literatur abwendet, sein bisheriges Schaffen verwirft und sich religions- und moralphilosophischen Schriften zuwendet. Die epochalen Schwerpunkte der Untersuchung bilden Romantik und Realismus, wobei ein verbindendes Moment in einem Verweisungsgestus auf ein Unsagbares herausgearbeitet wird.